Textanalyse: Harald Martenstein über die Schattenseiten seines neuen Smartphones

Harald Martenstein ist ein Meister seines Fachs. Vergangenen Sommer war ihm das Phänomen des Kulturpessimisten eine Thematisierung in seiner Kolumne im Zeit-Magazin wert, in dem er sich unter dem verheißungsvollen Titel „Harald Martenstein - Über die Schattenseiten seines neuen Smartphones: ,Es ist so unberechenbar wie Germany‘s next Topmodel‘“ über die Absurdität der typischen Produktkritiken amüsiert.

Im Grunde genommen argumentiert Martenstein doppelbödig: Zum einen lässt sich sein Text durchweg als Kritik an Technologie, Konsum und Kultur lesen. Dabei vergleicht er seine neuste Anschaffung mit einer Art Cerankochfeld für die Hosentasche, erklärt, er sei kein Dandy, denn er habe sich schließlich bewusst gegen das iPhone entschieden, für ein Motorola um es auch aller Welt mitzuteilen, dass er ein „Mann aus dem Volke“ sei. Er zählt eine Reihe von technischen Nachteilen von Smartphones auf die sie in seinen Augen alltagsuntauglich machen: die Vorwürfe von spiegelnden Displays und der nach seiner Ansicht adäquateren Bezeichnung „Shadowphone“, Schmier- und Kratzempfindlichkeit bis hin zu fehlender Bedienerfreundlichkeit lassen das Untersuchungsobjekt tatsächlich nicht besonders gut wegkommen. Touchscreens seien eben doch auch nur „komplizierte technische Systeme“, welche selbst entgegen aller „offiziellen Bekundungen“ eben nur ein „weiteres Exempel für den gescheiterten Umgang der Menschheit mit Technik“ symbolisierten.
Jedoch durchzieht diese Argumentationslinie eine ganze Fülle von ironischen Anspielungen und komischen Anmerkungen, sodass die zweite Inhaltsebene den Text ganz klar als Satire charakterisiert. So ist schon der Anfangssatz eine Provokation in sich: „Was die Krise des Fortschritts angeht, so kann ich mitreden“ - niemand lädt sich auf derart plumpe Art und Weise selbst in ein Gespräch ein. Die hoch ironische Anmerkung, dass „er ein Mann aus dem Volke“ sei und vor diesem Hintergrund eine bewusste Kaufentscheidung gegen das iPhone gefällt habe, ist selbstverständlich ein Widerspruch in sich, da er genau dadurch überhaupt erst zum Ausdruck bringt, dass er eben sehr wohl genau ein solcher Dandy zu sein scheint. Seine Aufklärungsarbeit bezüglich der Wortherkunft des Begriffs „Narzissmus“ und der Kommentar, dass von spiegelnden Flächen seit jeher „eine spiegelnde Wirkung [ausgehe]“, leisten hierzu ihren Beitrag. Er betrachtet sich als „Anhänger des Gymnasiums“, vielleicht im Sinne von „Anhänger der alten Schule“, der einen eventuell bildungsbürgerlichen Hintergrund, mindestens aber eine gewisse snobistische Ader bei ihm vermuten lässt. Spätestens als er über die Unzulänglichkeiten seiner neuen Anschaffung zu sinnieren beginnt wird jedoch klar, dass der Autor sein Gesagtes entweder nicht allzu ernst meinen kann, oder aber wenig von der Materie von der er spricht zu verstehen vorgibt, denn selbstverständlich ist es in keiner Weise der Fall, dass man als Smartphonenutzer zu den von ihm beschriebenen Unbequemlichkeiten genötigt ist. Seine Vergleiche werden immer lustiger und rufen unweigerlich ein Schmunzeln auf dem Gesicht des Lesers hervor, insbesondere lassen die etwas unbeholfen wirkenden Analogien „Saftpresse“ und „Klappspaten“ den Schluss zu, dass das lyrische Ich beim Verfassen seiner Abhandlung wirklich in Rage gewesen sein musste. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der letzte Paragraph des Textes, da sich der Autor hier zweifelsohne um einen Vergleich von Mobilfunktechnologie mit der Atomkatastrophe von Fukushima vergangenen März bemüht, was man ihm durchaus als realitätsfremden Verfolgungswahn zur last legen könnte. Martenstein mimt den sich ärgernden Nörglers dabei derart schwungvoll und lebensecht, dass er beim Leser beinahe den Eindruck erweckt, er meine es wirklich ernst. Diese paranoide Fortschrittsphobie weiß der erfahrene Kolumnist dabei allerdings derart gut mit ironischen, absurden und amüsanten Elementen auszuschmücken, dass die Doppelbödigkeit eindeutig klar wird.

Martensteins Intention ist demzufolge tatsächlich die Kritik des Kritikers, das Spiel mit der Position des Lesers; das auf den Arm Nehmen genau jener Position, die er angeblich vertritt, und er ergreift dabei gewissermaßen die Gelegenheit, nutzt die „Gunst der Stunde“, die sich ihm durch die damals in den Medien allgegenwärtige Restlaufzeit-Rhetorik so einmalig bietet, um seine Übertreibungen bis ins Groteske hinein zu pointieren.

Daraus erklärt sich vielleicht auch die Beliebtheit von Martensteins Kolumnen, denn er beherrscht es, mit seinem Humor alle gleichermaßen einzufangen, wie in dieser Glosse etwa den verzweifelten Technikkritiker, den von Technikkritikern genervten Technikkritikerkritiker sowie den einfachen Satireliebhaber.

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Was das hier wirklich ist weiß ich eigentlich gar nicht, ursprünglich war es als Sachtextanalyse gedacht, das ist dann wohl allerdings etwas verunglückt. Aber mir gefiel's. Es war die heutige Hausaufgabe, der Ausgangstext hat mir außerordentlich gut gefallen.

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